Tagungsabstracts
 
Tagung 1999 in Leipzig
 
Werner Wirth,
Kenneth Plasa &
Markus Schubert
Evaluation der Methode des Lauten Denkens
Universität Leipzig
Institut für Kommunikations- 
und Medienwissenschaft
In Selektions-, Entscheidungs- und Problemlösesituationen steht man häufig vor dem Problem, dass man zwar dank Aufzeichnungsverfahren Verhaltensdaten besitzt, über die dahinterstehenden kognitiven, affektiven und evaluativen Prozesse jedoch nichts aussagen kann. Befragungen und Gruppendiskussionen sind hier wenig hilfreich, weil sie a) Rationalisierungs- und b) Generalisierungsprozessen unterliegen, die die konkreten Zusammenhänge zwischen Denken und Verhalten mehr verschleiern als erhellen. Hier bietet die „Methode des Lauten Denkes“ (MLD) eine Alternative. Besonders vorteilhaft bei dieser Methode ist die periaktionale Verbalisation: Präsente Gedanken werden sofort und reflexhaft ausgesprochen, so dass Rationalisierungen und Generalisierungen unterbleiben. 
Sind Befürworter der Meinung, dass beim Lauten Denken weitgehend wiedergegeben wird, was jemand in einer Situation denkt und was sein Handeln mindestens teilweise steuert und beeinflusst, so befürchten Kritiker, dass beim Lauten Denken Kognitionen nur unvollständig und verzerrt zum Vorschein kommen und dass zudem das Verbalisieren die Ausführung der Primäraufgabe verzerrt. Methodologisch wird kritisiert, dass die Analyse der Protokolle häufig unsystematisch und unreliabel erfolgt und dass die Verbalisierungsrate (Total Verbal Output  TVO) individuell sehr unterschiedlich sei. Über die Ursachen wäre wenig bekannt.
Im Vortrag wird ein Evaluationsprojekt vorgestellt, mit dem einige der genannten methodologischen Kritikpunkte überprüft werden konnten. Die Studie wurde im Rahmen eines Projektes zur Navigationsforschung im Internet konzipiert. Das analysierte Entscheidungsverhalten bezog sich damit auf die einzelnen Navigationsschritte beim Surfen im Internet. 
Die Analyse erfolgt in vier Schritten: (1) Die Deskription der Verbalisierungsraten. (2) Ein Vergleich der Verbalisierungsraten mit verschiedenen Messmethoden. Konkret wird dabei die periaktionale (MLD) der postaktionalen Verbalisierung (NLD) gegenübergestellt. Methodologisch stellt dies eine Überprüfung der ‚concurrent validity‘ dar. (3) Eine regressionsanalytische Erklärung der Verbalisierungsraten anhand eines Drei-Faktoren-Erlärungsansatzes. (4) Eine Non-Response-Analyse mittels retrospektiver Selbstauskunft.
Insgesamt standen 7100 Selektionshandlungen von 60 Versuchspersonen für die einzelnen Teilanalysen zur Verfügung. Im Ergebnis zeigte sich, dass die Verbalisierungsrate bei grosser Schwankungsbreite im Mittel bei 80% lag und regressionsanalytisch 61% (aggregiertes Niveau; TVO) bzw. zwischen 15% und 56% (Individualniveau; Single Verbal Output = SVO) der Varianz erklärt werden konnte. Als einflussreich erwiesen sich sowohl Persönlichkeitsvariablen (Gewissenhaftigkeit; Extraversion: NEO-FFI) als auch situationale bzw. Kontextfaktoren, die aus einer vorgeschalteten Sequenzanalyse resultierten. 
Der Validitätsvergleich der beiden Varianten des Lauten Denkens (MLD versus NLD) erbrachte für zehn zentrale Variablen zwar signifikante Chi-Quadrat-Werte, aber der Prozentsatz der exakten Übereinstimmungen zwischen MLD und NLD lag nur bei 35%. Es scheint jedoch fraglich, ob mit den beiden Methodenvarianten tatsächlich das gleiche Konstrukt (Entscheidungsprozess) gemessen wird, da für das NLD die Hauptvorteile des periaktionalen Lauten Denkens, also ausbleibende Rationalisierungen und Generalisierungen, nicht mehr zutreffen. 
Die Non-Response-Analyse schließlich deckte auf, dass sich unter den etwa 20% Nichtverbalisierungen sowohl systematische (biasrelevante) als auch unsystematische Ausfälle befanden. Als biasrelevante Ausfälle wurden insbesondere genannt: intensives Nachdenken, das Lesen oder Betrachten von Bildern mit oder ohne Evaluation sowie überraschende und verwirrende Informationen.
Zusammenfassend kann die Methode des Lauten Denkens für die kommunikationswissenschaftliche Forschung empfohlen werden (insbesondere die periaktionale Variante). Aufgrund der Validitätsprobleme sollten jedoch zusätzliche Datenquellen mit herangezogen werden.