Universität
Leipzig
Institut
für Kommunikations-
und
Medienwissenschaft |
In
Selektions-, Entscheidungs- und Problemlösesituationen steht man häufig
vor dem Problem, dass man zwar dank Aufzeichnungsverfahren Verhaltensdaten
besitzt, über die dahinterstehenden kognitiven, affektiven und evaluativen
Prozesse jedoch nichts aussagen kann. Befragungen und Gruppendiskussionen
sind hier wenig hilfreich, weil sie a) Rationalisierungs- und b) Generalisierungsprozessen
unterliegen, die die konkreten Zusammenhänge zwischen Denken und Verhalten
mehr verschleiern als erhellen. Hier bietet die „Methode des Lauten Denkes“
(MLD) eine Alternative. Besonders vorteilhaft bei dieser Methode ist die
periaktionale Verbalisation: Präsente Gedanken werden sofort und reflexhaft
ausgesprochen, so dass Rationalisierungen und Generalisierungen unterbleiben.
Sind
Befürworter der Meinung, dass beim Lauten Denken weitgehend wiedergegeben
wird, was jemand in einer Situation denkt und was sein Handeln mindestens
teilweise steuert und beeinflusst, so befürchten Kritiker, dass beim
Lauten Denken Kognitionen nur unvollständig und verzerrt zum Vorschein
kommen und dass zudem das Verbalisieren die Ausführung der Primäraufgabe
verzerrt. Methodologisch wird kritisiert, dass die Analyse der Protokolle
häufig unsystematisch und unreliabel erfolgt und dass die Verbalisierungsrate
(Total Verbal Output TVO) individuell sehr unterschiedlich sei. Über
die Ursachen wäre wenig bekannt.
Im
Vortrag wird ein Evaluationsprojekt vorgestellt, mit dem einige der genannten
methodologischen Kritikpunkte überprüft werden konnten. Die Studie
wurde im Rahmen eines Projektes zur Navigationsforschung im Internet konzipiert.
Das analysierte Entscheidungsverhalten bezog sich damit auf die einzelnen
Navigationsschritte beim Surfen im Internet.
Die
Analyse erfolgt in vier Schritten: (1) Die Deskription der Verbalisierungsraten.
(2) Ein Vergleich der Verbalisierungsraten mit verschiedenen Messmethoden.
Konkret wird dabei die periaktionale (MLD) der postaktionalen Verbalisierung
(NLD) gegenübergestellt. Methodologisch stellt dies eine Überprüfung
der ‚concurrent validity‘ dar. (3) Eine regressionsanalytische Erklärung
der Verbalisierungsraten anhand eines Drei-Faktoren-Erlärungsansatzes.
(4) Eine Non-Response-Analyse mittels retrospektiver Selbstauskunft.
Insgesamt
standen 7100 Selektionshandlungen von 60 Versuchspersonen für die
einzelnen Teilanalysen zur Verfügung. Im Ergebnis zeigte sich, dass
die Verbalisierungsrate bei grosser Schwankungsbreite im Mittel bei 80%
lag und regressionsanalytisch 61% (aggregiertes Niveau; TVO) bzw. zwischen
15% und 56% (Individualniveau; Single Verbal Output = SVO) der Varianz
erklärt werden konnte. Als einflussreich erwiesen sich sowohl Persönlichkeitsvariablen
(Gewissenhaftigkeit; Extraversion: NEO-FFI) als auch situationale bzw.
Kontextfaktoren, die aus einer vorgeschalteten Sequenzanalyse resultierten.
Der
Validitätsvergleich der beiden Varianten des Lauten Denkens (MLD versus
NLD) erbrachte für zehn zentrale Variablen zwar signifikante Chi-Quadrat-Werte,
aber der Prozentsatz der exakten Übereinstimmungen zwischen MLD und
NLD lag nur bei 35%. Es scheint jedoch fraglich, ob mit den beiden Methodenvarianten
tatsächlich das gleiche Konstrukt (Entscheidungsprozess) gemessen
wird, da für das NLD die Hauptvorteile des periaktionalen Lauten Denkens,
also ausbleibende Rationalisierungen und Generalisierungen, nicht mehr
zutreffen.
Die
Non-Response-Analyse schließlich deckte auf, dass sich unter den
etwa 20% Nichtverbalisierungen sowohl systematische (biasrelevante) als
auch unsystematische Ausfälle befanden. Als biasrelevante Ausfälle
wurden insbesondere genannt: intensives Nachdenken, das Lesen oder Betrachten
von Bildern mit oder ohne Evaluation sowie überraschende und verwirrende
Informationen.
Zusammenfassend
kann die Methode des Lauten Denkens für die kommunikationswissenschaftliche
Forschung empfohlen werden (insbesondere die periaktionale Variante). Aufgrund
der Validitätsprobleme sollten jedoch zusätzliche Datenquellen
mit herangezogen werden.
|