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Kann man mit Demoskopie die valide Daten erheben? Auf der Suche nach Antworten auf diese Frage sind in den letzten Jahrzehnten eine Vielzahl von Fehlerquellen und Problemfeldern ausfindig gemacht worden. Eines dieser Problemfelder sind die "Pseudo-Opinions".
Pseudo-Opinions in der Forschung
Die Bekanntheit und Bewertung von Politikern ist ein zentraler Bestandteil einer Vielzahl von Umfragen. Zumeist wird die Bekanntheit erfragt, um dann bei positiver Beantwortung dieser Frage die Bewertung zu erfassen. Jedoch bleibt die Frage zu klären, wie zuverlässig die Angaben zur Bekanntheit von Politikern und Sachthemen sind. Seit 1950 lässt sich anhand einer Vielzahl von Studien belegen, dass eine Reihe von Erwünschtheitseffekten auftreten. So äußerten sich Befragte zu fiktiven ethnischen Gruppen (McCord, 1951) und Politikern (Hartley & Hartley, 1954, S.464.) Noelle- Neumann und Petersen konnten zeigen, dass 10 Prozent der Befragten zum nichtexistenten "Imponderabilienvorschlag der Regierung" eine Meinung hatten. (Noelle-Neumann, Petersen, 2000, S. 87ff.) Bogart sprach 1967 davon, dass der stärkste Erwünschtheitseffekt in der Umfrageforschung der ist, überhaupt eine Meinung zu haben. (Bogart, 1967, 344f.) Wie lässt sich nun Informiertheit von Nicht-Informiertheit, unterscheiden. Nach Noelle-Neumann und Petersen ist das Vortäuschen von Wissen besonders in der Oberschicht ausgeprägt, bei denjenigen Personen, die in ihren Bildungs- und Berufswegen mehrere Prüfungen absolvieren mussten. (Noelle-Neumann, Petersen, 2000, S.89) Reuband (2000) konnte diese Ergebnisse nicht bestätigen. Lediglich Männer und Jüngere tendierten eher überproportional dazu, fiktive Politiker zu nennen und zu bewerten. (Reuband, 2000, S. 35) Zusätzlich kann Reuband zeigen, dass das politische Interesse mit der Neigung fiktive Politiker zu kennen -entgegen der Erwartung - positiv korreliert. Auffällig ist, dass vor allem bei Telefoninterviews der Anteil der Nennung fiktiver Politiker besonders hoch ist (15 Prozent). Dies wird mit der anonymeren Interviewsituation begründet. (Reuband, 2000, S.32)
Forschungsfragen
Diese Befunde führen zu den dieser Studie zugrunde liegenden Forschungsfragen:
- F1: Welche soziodemographischen Merkmale und Einstellungen zur Politik gehen mit der Nennung fiktiver Politiker einher?
- F2: Ist der Anteil der Nennung fiktiver Politiker höher, wenn die realen Politiker eher unbekannt sind oder gibt es keinen Zusammenhang zwischen Bekanntheitsgrad der realen Politiker und dem Anteil der fiktiven Nennungen?
- F3: Hat die Positionierung der fiktiven Politiker in der Listenfrage einen Einfluss auf den Anteil der fiktiven Nennungen?
Methode
Im Vorfeld der Bundestagswahl 1998 sowie im Oktober 2001 wurden zwei repräsentative telefonische Umfragen mit jeweils 506 Wahlberechtigten durchgeführt, wobei die Bekanntheit von zehn bzw. acht Kommunalpolitikern erfragt wurde. Diese Liste der Politiker wurde rotiert und um jeweils eine fiktive Person erweitert. Neben den üblichen soziodemographischen Angaben Alter, Geschlecht und Bildung, die im Zusammenhang mit "Pseudo-Opinions" ausgewertet werden, wurden das politische Wissen, das Involvement und das politische Interesse der Befragten mit erfasst.
Ergebnisse
- F1: Fünf Prozent der Befragten gaben jeweils an, die fiktiven Kommunalpolitiker zu kennen. Dies liegt weit unter dem Wert von 15 Prozent, den Reuband (2000) für Ostdeutschland ausweist. Bei den soziodemographischen Variablen lassen sich die Befunde von Noelle-Neumann und Petersen nicht bestätigen. Besonders bei den niedrig Gebildeten und bei den älteren Befragten werden die fiktiven Politiker überproportional genannt. Für das politische Interesse lässt sich sagen, dass in der Gruppe derjenigen mit mäßigem politischen Interesse, die fiktiven Politiker am "bekanntesten" sind. Weiterhin lässt sich zeigen, dass denjenigen, die meinen, die fiktiven Politiker zu kennen, sowohl gestützt als auch ungestützt mehr reale Politiker bekannt sind.
- F2: Obwohl die durchschnittliche Bekanntheit der abgefragten Lokalpolitiker sich stark unterscheidet (40 Prozent zu 29 Prozent durchschnittlicher Bekanntheit) ist der Anteil der Antworten zu fiktiven Politikern stabil.
- F3: Um Reihenfolgeeffekte zu testen, wurde die Abfolge der Politiker in der Frage variiert. Es wurden jeweils drei Versionen programmiert. Jeder Lokalpolitiker wurde einmal im ersten, einmal im zweiten und einmal im dritten Drittel der Frage platziert. Der Vergleich der drei
- Versionen erbrachte, dass kein Zusammenhang zwischen Listenplatz in der Fragestellung und Anteil der Nennung fiktiver Politiker festgestellt werden kann.
Fazit
Was bedeuten nun diese Befunde im Hinblick auf die Validität der Umfrageergebnisse. Zunächst kann festgehalten werden, dass die Nennung von fiktiven Politikern unabhängig von der Reihenfolge des Vorkommens in Listenfragen und unabhängig von der durchschnittlichen Bekanntheit der realen Politiker ist. Mit fünf Prozent liegt die Quote der Nennung fiktiver Politiker weit unter dem Ergebnis, welches Reuband 2000 ausweist. Jedoch zeigt sich, dass diejenigen, die die fiktiven Politiker kennen sowohl was nicht überrascht signifikant mehr reale Politiker kennen aber auch bei der zuvor gestellten offenen Frage nach den Kommunalpolitikern signifikant mehr Politiker zu nennen wussten. Für die Datenanalyse bedeutet dies, dass bei denjenigen Befragten, die fiktive Politiker genannt haben, nur die offenen Antworten zur Auswertung herangezogen werden sollten.
Jandura, Olaf, M.A., Studium der Kommunikationswissenschaft, Politikwissenschaft, Soziologie und Neuerer und Neuester Geschichte an der TU Dresden und der Universidad de Navarra Pamplona; seit Oktober 1999 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikationswissenschaft der TU Dresden am Lehrstuhl von Professor Donsbach; Forschungsschwerpunkt: Politische Kommunikation.
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