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In der elaborierteren angewandten Marktforschung wird zur Bewertung etwa von Sendungspiloten häufig eine Real-Time-Response-Messung (RTR-Messung) oder Spielarten hiervon eingesetzt (vgl. Bewley 2001). Stimulusmaterial wie etwa eine Sendung, Werbung, Filme, Shows etc. wird einer Gruppe von Personen vorgeführt. Zeitlich parallel zu dieser Vorführung bewerten die Probanden das gezeigte Material kontinuierlich anhand eines Reglers - ähnlich eines Lautstärkereglers. Die Aggregation dieser kontinuierlich gewonnenen Daten gibt Auskunft darüber, welche Teile der Sendung eher positiv, welche negativ bewertet werden, wo Brüche im Sendungskonzept liegen usw. Nach dieser Rezeptions- und Bewertungsphase füllen die Probanden üblicherweise einen Fragebogen zu Einzelheiten der Sendung aus. Hierzu gehören erneut allgemeine Bewertungen, die Beurteilung von Personen und Sendungsteilen, darüber hinaus soziodemografische Merkmale und des weiteren mehr.
Da die RTR-Kurven üblicherweise über alle Rezipienten hinweg aggregriert werden und auch nur diese Durchschnittskurven interpretiert werden, bleiben zentrale Potenziale der gewonnenen Daten im Hintergrund: Auf Individualebene betrachtet sind die derart gewonnenen Daten nämlich von weitergehendem methodischen Interesse. Es stellt sich hier vor allem die Frage: Inwieweit korrespondieren die kontinuierlich erhobenen Bewertungsdaten mit den Urteilen im Fragebogen? Genauer: Können bestimmte Muster des Kurvenverlaufs bestimmte Antworten im Fragebogen erklären oder sogar voraussagen? Resultiert etwa eine positive Beurteilung einer Sendung im Fragebogen aus einer durchgehend positiven Bewertung der Sendung während der Rezeption ("average-driven-judgement")? Oder resultiert eine positive Bewertung aus wenigen positiven Spitzen der kontinuierlichen Bewertung ("peak-driven-judgement")? Gibt es möglicherweise Priming-bzw. Reihenfolgeeffekte?
Die Potentiale einer Kombination von RTR-Messung und Befragungsdaten auf der Individualebene werden am Beispiel einer Studie zum zweiten TV-Duell der Kanzlerkandidaten am 8. September 2002 illustriert. Dabei wurden 75 Probanden u.a. gebeten, mit Hilfe eines Drehreglers ständig ihren Eindruck von den Kandidaten anzugeben. Außerdem wurden die Probanden vor der Debatte, unmittelbar nach der Debatte und einige Tage nach der Debatte befragt. Im Zentrum des Beitrags wird die Frage stehen, inwieweit sich die Urteile verschiedener Gruppen von Probanden über den Debattensieger ("Wer hat gewonnen?"), die unmittelbar nach der Debatte abgegeben wurden, durch die Voreinstellungen der Probanden (Partei- bzw. Kanzlerpräferenz) und/oder die Wahrnehmung der Kandidaten während der Debatte erklären lassen.
Reinemann, Carsten, M.A., Dr. phil., *1971; Studium der Publizistikwissenschaft, Politikwissenschaft und Psychologie in Mainz. Anschließend wissenschaftlicher Projektmitarbeiter an der Universität Leipzig. Seit 1997 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Promotion September 2002, Thema: "Mediennutzung aus Profession. Eine empirische Untersuchung der Mediennutzung politischer Journalisten". Forschungsschwerpunkte: Politische Kommunikation, Journalismusforschung, Methoden.
Maurer, Marcus, M.A., Dr. phil., *1969, Studium der Publizistikwissenschaft, Politikwissenschaft und Deutschen Philologie in Münster und Mainz. Seit 1997 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz; Promotion September 2002, Thema: "Kurzfristige und langfristige Einflüsse der Politikdarstellung der Massenmedien auf die Rezipientenurteile über Politik". Forschungsschwerpunkte: Politische Kommunikation, Medienwirkungsforschung.
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