|
Erp Ring: „Der durch die Reihenfolge der Listenpunkte gegebene Einfluß bringt für den auf Platz 1 stehenden Namen den stärksten Vorteil. Den stärksten Nachteil haben bei einer Liste mit 18 Punkten nicht die letzten und auch nicht genau die mittleren Plätze, sonder die Plätze 13 und 14.“
Mit Listenfragen bzw. langen Listen sind hierbei Fragestellungen gemeint, bei denen dem Befragten eine größere Anzahl von gleichartigen Objekten innerhalb eines Fragezusammenhanges präsentiert wird.
Der geplante Vortrag beschäftigt sich mit der oben zitierten sowie einigen anderen Annahmen über die nicht-intendierten Wirkungen dieser Form von Fragestellungen bzw. Anwtwortvorgabe auf die Antwort von Befragten. Ausgehend von verschiedenen theoretischen Ansätzen zur Befragung wird das Problem der dabei i.A. vermuteten Reihenfolgeeffekte etwas ausführlicher beleuchtet und bezüglich der Art der Fragestellung und des Fragegegenstandes genauer spezifiziert. Die dabei abgeleiteten Annahmen werden anhand mehrerer kleinerer Methodenexperimente im Split-Ballot-Design überprüft.
Theoretische Ansätze zur Befragung
Eine standardisierte Befragung, die im Zuge sozialwissenschaftlicher bzw. kommunikationswissenschaftlicher Forschung eingesetzt wird ist ein mehr oder weniger genau ausgeklügeltes Meßinstrument, mit dem die Ausprägungen einer genau festgelegten Dimension für jedes analysierte Objekt gemessen wird, was heißt daß ihnen Werte bzw. Prädikate zugeordnet werden (Schnell/Hill/Esser 1995, S.128).
Im Idealfall informiert die Frage den Befragten konkret über das interessierende Merkmal und liefert die „Zuordnungsregeln“, nach denen die befragte Person die eigene Ausprägung des Merkmals ermittelt. Die befragte Person ist dabei gleichzeitig objektive Auskunftsperson und beobachtetes Subjekt (Scholl 1993, S.13). Die Qualität einer Messung wird durch die zwei allseits bekannten, grundlegende Gütekriterien Reliabilität (= Verläßlichkeit) und Validität (= Gültigkeit) beschrieben.
Neben der Zieldimension einer Frage als dem Vektor, auf dem der „wahre“ Wert liegt, existiert nach Holm (1975) in dessen „Theorie der Frage“ noch eine sogenannte „Fremddimension“ als ein durch die Frage möglicherweise unbeabsichtigt intendierter Aspekt des Befragten und die „Dimension der sozialen Erwünschtheit“. Die empirische Antwort auf die Frage setzt sich nach Holm aus den Positionen des Befragten auf den Fremd- und Zieldimensionen zusammen. Regt eine Frage aufgrund der Art und Weise ihrer Formulierung überzufällig viele Befragt zu vom Forscher nicht intendierten Zuordnungsregeln an, was einer Fremddimension entspricht, so führen Frageeffekte zu einem Mangel an Validität.
Die Art der Befragtenreaktionen (= die Antwort) werden nach Kneubühler/Atteslander (1975) durch drei verschiedene Systeme der Reizdeutung bestimmt. Als Reiz gilt dabei sowohl der Reiz der Frage als auch der Reiz der Umgebung (inkl. Interviewer) und der Reiz wird dabei beeinflußt bzw. auf dem Hintergrund von gesamtgesellschaftlichen, gruppenspezifischen und interviewspezifischen Normen gedeutet, bevor die empirische Antwort gegeben wird. Hartmut Esser (1985) versucht, die Antwort des Befragten als das Ergebnis situationsorientierten Handelns zu erklären. Das Ergebnis bzw. die Antwortfindung auf eine Frage wird als Handlung betrachtet. Grundelemente dieses Handelns sind dabei die verschiedenen persönlichen Ziele einer Person und deren Intensität sowie die Menge der möglichen Handlungsalternativen, also alle kognitiven Konzepte, die zu einer Antwort führen. Nach Esser entscheidet sich der Befragte aufgrund von subjektiven Ziel- und Nutzenerwartungen für eine dieser Alternativen und eine Frage ist gut gestellt, wenn sie beim Großteil der Befragten zur Zielhandlung führt.
Verwendung von „langen Antwortlisten“
Bestimmte Arten von Fragestellungen legen die Verwendung langer Listen nahe. Dabei kann man die Liste immer auch als eine Reihe von Einzelfragen mit wenigstens dichotomen Antworten verstehen , z.B.:
„Haben sie einen Videorekorder in ihrem Haushalt oder nicht?“
„Würden Sie Nachrichtensendungen am meisten vermissen oder nicht?“
„Sehen Sie politische Sendungen nie, selten, gelegentlich, häufig oder regelmäßig?“
Aus der Forderung nach vollständigen Listen bei Aufzählungen folgt die Konsequenz daß manche Listen sehr umfangreich werden können, was für den Befragten letztendlich bedeutet, daß das Ermitteln der Zielantwort mit verhältnismäßig hohen Kosten verbunden ist.
Weil man immer irgendeine Reihenfolge wählen muß, ist grundsätzlich davon auszugehen, daß man Reihenfolgeeffekte nie gänzlich vermeiden kann. Als einzige Lösung zur Vermeidung systematischer Verzerrungen bietet sich eine ständige Veränderung der Reihenfolge an, bei mündlichen Interviews ist das noch recht problemlos der Fall, indem dem Interviewer statt einer Liste ein Stapel beschrifteter Karten zur Hand gegeben. Bei anderen Befragungsarten wäre das zwar theoretisch möglich, aber praktisch nicht mehr umsetzbar und aus diesem Grund scheint es lohnenswert sich einmal ausführlicher mit dieser Art von Fragestellung bzw. Antwortvorgabe zu beschäftigen.
Wahrscheinlichkeit von Reihefolgeeffekten
Reihenfolgefehler sind in der Befragungsliteratur im allgemeinen nicht besonders ausführlich diskutiert, insgesamt aber gibt eine Analyse der dort genannten Einflußfaktoren auf Befragtenfehler Anlass zu der Annahme, daß Reihenfolgefehler nicht unter allen Umständen in gleichem Maße auftreten und daß es Situationen gibt, in denen auch eine längere Liste relativ unbedenklich angewendet werden kann.
Ausgehend von drei Bedingungen für ein erfolgreiches Interview:
- „motivationale Haltung des Befragten zur Übernahme der Befragtenrolle“
- „kognitive Voraussetzungen zur Rollenübernahme“
- „Zugänglichkeit der abgefragten Stimuli“ (Reinecke (1991) nach Canell/Kahn)
werden in Abhängigkeit von der Art und Weise des Befragungsgegenstandes einige Hypothesen zur Fehlerwahrscheinlichkeit bei Listenfragen aufgestellt. Ausgegangen wird dabei davon daß eine Befragung eine Situatuion ist, in der aus der Sicht des Befragtem einem verhältnismäßig großem Aufwand von Seiten ein relativ kleiner zu erwartender Nutzen gegenübersteht und es liegt nahe, daß der Befragte praktisch immer versucht ist, die Handlungsalternative mit den geringsten Kosten zu wählen. Dieser Versuchung steht lediglich die Motivation zur Übernahme der Befragtenrolle entgegen, die in sich die Bereitschaft zum „sich selbst richtig Messen“ beinhaltet.
Bei Listenfragen ist die Handlungstendenz zur Falschantwort aufgrund der Fragestellung besonders groß.
Der am Beginn zitierte Befund von Erp Ring läßt sich aus dieser Perspektive damit begründen, daß überzufällig viele Befragte die Handlungstendenz, sich gleich für eine Positionen am Anfang zu entscheiden, als am günstigsten betrachten. Ein anderer Teil der Befragten mit einer etwas höheren Motivation wird gewissenhaft die Liste durchgehen, wenn Sie aber bis kurz vor dem Ende noch keine Entscheidung getroffen haben, müssen sie sich zwischen den Handlungsalternativen: „Eines von den unten stehenden auswählen“ oder „nochmals von oben beginnen“ entscheiden. Je nachdem wie groß die Motivation für eine korrekte Antwort zu diesem Zeitpunkt ist, wird die Entscheidung ausfallen.
Es ergibt sich daraus eine Haupthypothese, aus der sich drei Unterhypothesen ableiten:
Je höher die Motivation der Befragten zur Zielhandlung ist, desto geringer ist der Einfluß der Listenreihenfolge.
Bei einer Fragestellung, bei der der Befragte jedes Objekt der Liste bewerten soll, beeinflußt die Reihenfolge der Abfrage weniger die Antworten als bei Fragen, bei denen sich der der Befragte für wenige Objekte der Liste entscheiden muß.
Nach Holm entstehen Befragtenfehler ganz allgemein dann, wenn die „reale“ Ausprägung einer Eigenschaft in den Personen nicht stabil, sondern einer Vielzahl von Einflüssen unterworfen ist (Holm 1976, S.121). Das heißt die Tendenz zur „Fehlhandlung“ hängt auch immer vom Gegenstand der Frage bzw. der gesuchten Angabe ab. Es kann sein daß das Merkmal, für das sich der Forscher interessiert, natürlichen Schwankungen unterworfen ist wie beispielsweise Stimmung oder, wie Scheuch (1967, S.137) feststellt:„Je weniger die verlangten Angaben einen Bezug zu objektiven (d.h. prinzipiell von Dritten beobachtbaren) Sachverhalten besitzen, desto ungenauer ist die Erinnerung an den vergangenen Zustand.“
In dieser Situation greifen Befragte verstärkt auf das „soziale Feld“ (in diesem Fall die Frage und der Interviewer) bei der Vergegenwärtigung des zur Beantwortung nötigen Vorstellungsrahmens zurück. Das macht die auf diese Weise entstehenden Werte anfällig für durch den Fragenstimulus hervorgerufene Tendenzen (Kreutz/Titschner 1974, S.53). Das ist auch der Grund dafür, daß Einstellungsfragen als anfälliger für Verzerrungen gelten als beispielsweise Verhaltensfragen und warum in der Literatur vielfach der Hinweise, bei Entscheidungsfragen beide Alternativen zu formulieren oder eine „weiß nicht“- bzw. „keine Meinung“- Kategorie anzubieten, zu finden ist (Holm 1975, Sudman/Bradburn 1982, Noelle-Neuman/Petersen 1994).
- 2. Die Motivation zur Zielhandlung ist umso höher, umso stärker der
Bezug des Befragten zum Befragungsgegenstandes ist.
Bei einer Frage, die den Befragten selbst betrifft ist der Reihenfolgeeffekt geringer als bei einer Fragestellung, die eine Allgemeinheit betrifft.
- 3. Die Motivation zur Zielhandlung ist umso höher, umso größer die Aussicht auf eine positive Erfüllung der Befragtenrolle ist.
Bei einer Frage, bei der der Befragte ahnt, daß er die Frage gar nicht wirklich richtig beantworten kann, sind die Reihenfolgeeffekte stärker als bei Fragen, bei denen der Befragte sich als fähig zur richtigen Antwort einschätzt.
Diese Hypothesen werden anhand von Daten aus drei verschiedenen Methodenexperimenten überprüft. Es handelt sich dabei jeweils um Untersuchungen in Form gegabelter Befragungen mit quotierten Stichproben (mündliche standardisierte Befragungen zur Mediennutzung) von denen eine im Sommer 1998 und eine im Sommer 2000 im Zuge eines Befragungsseminars durchgeführt wurden. Eine dritte Befragung ist für den Sommer 2002 geplant. In den Experimenten wurde jeweils die Art der Antwortvorlage variiert, einmal wurde die Reihenfolge variiert, bei den anderen beiden Experimenten wurde bzw. wird der einen Hälfte der Befragten eine Fragestellung mit einer dazugehörenden Liste, der anderen Hälfte der Befragten dieselbe Fragestellung mit einem entsprechenden Karteikartensatz präsentiert. In den einzelnen Untersuchungen wurde Frageart und Fragegegenstand entsprechend den Hypothesen zur Fehlerwahrscheinlichkeit variiert.
Literatur
Atteslander, Peter/ Kneubühler, Hans-Ulrich: Verzerrungen im Interview. Zu einer Fehlertheorie der Befragung. Opladen: Westdt. Verlag 1975.
Esser, Hartmut: Befragtenverhalten als rationales Handeln. In: Büschges, Günther/ Raub, Werner (Hrsg.): Soziale Bedingungen Individuelles Handeln Soziale Konsequenz. Frankfurt a. M., Bern, New York: Lang 1985. S.281-304.
Holm, Kurt: Die Frage. In: Holm, Kurt (Hrsg.): Die Befragung 1. Der Fragebogen Die Stichprobe. München: Francke 1975. S.3291.
Holm, Kurt: Die Zuverlässigkeit sozialwissenschaftlichen Messens. In: Holm, Kurt (Hrsg.): Die Befragung 4. Skalierungsverfahren, Panelanalyse. München: Francke 1976. S.109122.
Kreutz, Hendrik/ Titschner, Stefan: Die Konstruktion von Fragebögen. In: Kollwijk, Jürgen van/ Wieken-Mayser, Maria (Hrsg.): Erhebungsmethoden: Die Befragung. Techniken der empirischen Sozialforschung. Band 4. München: Oldenbourg 1974.
Noelle-Neumann, Elisabeth/ Petersen, Thomas: Alle, nicht jeder. Einführung in die Methoden der Demoskopie. München 1996.
Reinecke, Jost: Interviewer- und Befragtenverhalten. Theoretische Ansätz und methodische Konzepte. Opladen. Westdt. Verlag 1991.
Ring, Erp: Wie man bei Listenfragen Einflüsse der Reihenfolge ausschalten kann. In: Psychologie und Praxis, 18, 1974. S.105-112.
Scheuch, Erwin K.: Das Interview in der Sozialforschung. In: König, René (Hrsg.): Handbuch der empirischen Sozialforschung. Band 2: Grundlegende Methoden und Techniken der empirischen Sozialforschung. Teil 1. 3. Aufl. Stuttgart: Enke 1967. S.66191.
Schnell, Rainer/ Hill, Paul B./ Esser, Elke: Methoden der empirischen Sozialforschung. 5. Aufl. München, Wien: Oldenbourg 1995.
Scholl, Armin: Die Befragung als Kommunikationssituation. Zur Reaktivität im Forschungsinterview. Opladen: Westdt. Verlag 1993.
Sudman, Seymour/ Bradburn, Norman M.: Asking Questions. A Practical Guide to Questionnaire Design. San Francisco, Washington, London: Jossey Bass Publ. 1983.
Schmid, Ingrid A., M.A., Nach einer Ausbildung im gewerblich-technischen Bereich im zweiten Bildungsweg Studium der Kommunikationswissenschaft, (Schwerpunkt empirische Medienforschung), Theaterwissenschaft und Statistik an der Ludwig-Maximilian-Universität München. Magisterprüfung 1999, 1999 - 2000 vertretungsweise Anstellung als Lehrkraft für besondere Aufgaben (SS 1999) bzw. wissenschaftliche Mitarbeiterin (WS 1999/2000) an der TU Ilmenau am IfMK. Seit 2000 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig, Fachbereich Empirie. Schwerpunkte der Lehre: Methoden der empirirschen Medienforschung, Datenanalyse, Statistik.
|