Abstract

zurück zur Übersicht

Michael Meyen, München:

Die Quelle Mensch: Biographische Interviews als Weg zu einer Geschichte der Mediennutzung in der DDR.

 

Die Mediennutzung in der DDR war lange ein weißer Fleck auf der Forschungslandkarte. Wenn im Rückblick auf den ostdeutschen Staat das Mediensystem überhaupt thematisiert wurde, dann dominierten Anleitung und Kontrolle, SED und Staatssicherheit. Diese Vernachlässigung hat sicher mit der Quellenlage zu tun. Westdeutsche Forscher konnten in der DDR so gut wie keine Befragungen veranstalten und stützten sich bestenfalls auf Aussagen von Flüchtlingen, die DDR-Journalistikwissenschaft interessierte sich nicht für die Nutzer, und die repräsentativen Daten der Forschungsabteilungen der Staatlichen Komitees für Fernsehen und Rundfunk waren vor 1990 nicht zugänglich und wurden danach vielleicht auch deshalb kaum genutzt, weil Zweifel an der Validität bleiben. Die Meinungsforschung in der DDR war in das Macht- und Ideologiemonopol der SED eingebettet, es gab keine kommerzielle Konkurrenz und damit keine Kontrolle, und die Bürger misstrauten der Anonymität der Befragungen.

Der Vortrag zeigt, wie biographische Interviews genutzt werden können, um die Validität der überlieferten Meinungsforschungsresultate zu prüfen und um die Lücken zu füllen, die andere Quellen lassen. Die DDR-Zuschauerforschung etwa hat zwar für die meisten Sendungen in repräsentativen Stichproben „Sehbeteiligungen“ ermittelt, aber erstens wurde das Westfernsehen bei diesen Befragungen ausgeklammert, zweitens sagen die Daten nichts über Nutzungsmotive und Bewertungen und wenig über Unterschiede zwischen einzelnen Bevölkerungsgruppen und drittens steht die Frage, wie weit man Umfrageresultaten aus der DDR trauen kann, gerade Umfragen zum Fernsehverhalten.

Dass Medienbiographien in der Kommunikationswissenschaft selten geschrieben werden, hat mehrere Gründe. Die empirisch-quantitativ arbeitende Richtung akzeptiert Intensivinterviews nur als Vorbereitung von Repräsentativ-Untersuchungen, mindestens genau so schwer wiegen allerdings die methodologischen Probleme, die das Verfahren in allen Phasen des Forschungsprozesses mit sich bringt – von der Auswahl der Untersuchungspersonen über das Interview selbst bis hin zur Auswertung des Materials. Im Vortrag werden diese Probleme diskutiert und Lösungsvorschläge unterbreitet.

Auswahl

Medienbiographische Interviews geben niemals Aufschluss über die Verteilung von Handlungsmustern in der Gesamtbevölkerung, sondern beschreiben bestenfalls typische Varianten ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Ein biographisches Interview setzt die Bereitschaft und die Fähigkeit voraus, einem Fremden etwas aus seinem Leben zu erzählen. Beide Eigenschaften sind in den einzelnen Schichten keineswegs gleichermaßen anzutreffen, und außerdem ist ein originalgetreues Abbild bei rückschauenden Befragungen schon deshalb nicht möglich, weil ein Teil der Grundgesamtheit nicht mehr am Leben ist.

Die Untersuchungspersonen sind nach dem Verfahren der theoretischen Sättigung ausgewählt und in Leitfadeninterviews als „Informanten“ befragt worden, als Experten für die Nutzung und Bewertung von Medienangeboten in der DDR. Da einerseits die Bedürfnisse, die Medien befriedigen, entscheidend durch den Alltag und hier wiederum durch die Anforderungen in Familie und Beruf sowie durch den gesellschaftlichen Status bestimmt werden, und da andererseits die Bewertung von ost- und westdeutschen Fernsehprogrammen mit der Einstellung zur DDR zusammenhängen dürfte, war zu vermuten, dass sich die Fernsehnutzung nach den Kriterien Lebensphase, Geschlecht, Bildung, Westempfang, Position in der DDR-Hierarchie und Systemnähe differenziert.

Interview (InterviewerIn/Befragter)

Die Interviews wurden mit einem Leitfaden strukturiert. Dies hat den Vorteil, ein Minimum an Vergleichbarkeit zu liefern, stellt aber zugleich hohe Anforderungen an die Interviewer, die allgemeine Forschungsfragen im Gesprächsverlauf operationalisieren müssen, und bringt zudem die gleichen Probleme mit sich wie alle anderen reaktiven Verfahren. Da Menschen immer versuchen, sich in ein günstiges Licht zu rücken, hängen die Ergebnisse auch vom Gesprächspartner und von der Interviewsituation ab. Gerade die Erkundung von Motiven und Bewertungen gehört zu den schwierigsten Forschungsfeldern überhaupt, weil beide stets ein bestimmtes Image haben, oft unbewusst sind und außerdem nah am Intimbereich liegen. Dazu kommt die Fehlerquelle Gedächtnis. Erinnerung ist immer Rekonstruktion und damit abhängig von den Interessen der Gegenwart. Die Ostdeutschen waren nach dem Systembruch gezwungen, an ihren Biographien zu arbeiten und ihr früheres Leben zu legitimieren – nicht nur vor sich selbst, sondern oft auch am Arbeitsplatz. Die Bewertung der DDR hat Konjunkturen durchlaufen und hängt stark von der jeweiligen Lebenssituation ab. Beeinträchtigt das mangelhafte Quellen- und Zeitgedächtnis des Menschen bereits die Gültigkeit von Stichtagbefragungen, gilt dies erst recht, wenn ein Zeitraum untersucht werden soll, der mehr als ein Jahrzehnt zurückliegt. Medien werden oft habitualisiert und nebenbei genutzt. Unbewusstes Verhalten aber bekommt im Gedächtnis keinen Platz und taucht deshalb bei Befragungen nicht mehr auf.

Da die Menschen sich kaum an Veränderungen im Zeitablauf erinnern, viele Medieninhalte vergessen haben und Mediennutzung außerdem stark mit dem Alltag verwoben ist, wurde entschieden, die Gespräche auf die zweite Hälfte der 80er-Jahre zu konzentrieren, mit einer Rekonstruktion des Tagesablaufs zu beginnen und als Erinnerungshilfe und Gesprächsstimulation eine Liste mit ost- und westdeutschen Fernsehsendungen einzusetzen. Der Leitfaden enthielt außerdem die Kategorien Medienzugang (Hörfunk- und Fernsehempfang, Geräteausstattung, Presseabonnements), Lebenssituation in der DDR (Arbeitsbedingungen, Zeithaushalt, Einkommen, Freizeitaktivitäten, Einstellung zur DDR), Mediennutzung und Nutzungsmotive (Häufigkeit, Präferenzen), Bewertung von Ost- und Westmedien (Glaubwürdigkeit, Unterhaltungsqualität), sowie Lebenssituation, Mediennutzung und Medienbewertung heute. Diese Kategorien basieren auf der Annahme, dass Kommunikationsbedürfnisse von strukturellen und positionellen Merkmalen und Bedingungen geprägt werden, Mediennutzung über diese Bedürfnisse erklärt werden kann und Medien nicht nur untereinander um Zeit und Aufmerksamkeit der Menschen konkurrieren, sondern auch mit anderen Quellen der Bedürfnisbefriedigung.

Auswertung

Die Auswertung ist die höchste Hürde für biographische Projekte – eine Hürde, für die die Literatur nur wenig Hilfestellung bietet. Man muss nicht die Theorie des symbolischen Interaktionismus kennen, um zu ahnen, dass eine Interviewauswertung, die der Mensch nicht an den PC delegieren kann, Probleme bereitet. Maßstab waren hier das Forschungsziel sowie das Wissen um die begrenzte Aussagefähigkeit des Materials. Es wurden drei Gruppen von geschlossenen Kategorien gebildet (Soziodemographie, Medienzugang, soziale Einbindung/Informationsquellen) sowie zwei offene Kategorien (Medienverhalten und Besonderheiten/Episoden). Die offene Kategorie „Medienverhalten“ hat sich zum einen aus dem Wissen über Mediennutzung in modernen Gesellschaften ergeben und zum anderen aus dem Untersuchungsgegenstand, Fernsehen in der DDR. Es wurde hier erstens nach der generellen Erwartungshaltung gegenüber Medien differenziert (informations- und bildungsorientiert versus unterhaltungsorientiert) sowie zweitens nach der Einstellung zur DDR-Medienpolitik und, eng damit zusammenhängend, nach dem Grad der Westorientierung. Während diese offene Kategorie auf ein Kurzporträt des Befragten hinausläuft und es zugleich ermöglicht, eine Typologie zu bilden, sollten die geschlossenen Kategorien helfen, Erklärungen für die Unterschiede zwischen einzelnen Bevölkerungsgruppen zu finden. Die Interviewer haben das Schema zunächst unabhängig voneinander angewandt und die jeweiligen Interpretationen dann so lange diskutiert, bis ein gemeinsamer Nenner gefunden war.


Meyen, Michael, Dr. phil. habil., 1988 bis 1992 Journalistikstudium in Leipzig. 1991 bis 1997 Journalist. 1995 Promotion, 2001 Habilitation in Leipzig. Seit Sommersemester 2002 Professor für Allgemeine und Systematische Kommunikationswissenschaft an der LMU München.

 


Hinweise und Vorschläge zum Webangebot bitte per E-Mail an Carsten Wünsch.
Letzte Änderung: 01.10.2002