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Online-Journalisten

Online-Journalimus: Viel Agenturmaterial, wenig Multimedia

 

Thorsten Quandt, Ilmenau

 

Das alltägliche Arbeiten im nachrichtenbasierten Online-Journalismus unterscheidet sich deutlich von den Vorstellungen, die noch vor wenigen Jahren als visionäre Konzepte angepriesen wurden. Zur Zeit orientiert sich der webbasierte Journalismus eher am Print- und Agenturbereich – so das Ergebnis einer Beobachtungsstudie in fünf Online-Redaktionen. Das Arbeiten der beobachteten Redakteure ist geprägt durch Schnelligkeit und kurze, sich häufig überschneidende Tätigkeiten. Es spiegelt zudem die ökonomischen Probleme wider, in denen sich der Online-Journalismus zur Zeit befindet: Die Arbeitsbelastung ist hoch, und es bleibt wenig Zeit für Hintergrundberichte und Recherchen.

 

Methode

Das Handeln von sechs Online-Journalisten aus fünf Redaktionen wurde passiv-teilnehmend zehn Wochen lang beobachtet. Neben den Tätigkeiten selbst wurden auch die genutzten Ressourcen, Personenkontakte, Orte, bearbeitete Themen und weitere Kontextvariablen festgehalten. Insgesamt konnten 11.671 Handlungen beobachtet werden. Ziel der Studie war eine Tiefenzeichnung der Arbeit in einzelnen Redaktionen, auch als Ergänzung und Vorbereitung für breit angelegte Befragungsstudien.

 

Ergebnisse

1. Im Schnitt konnten pro Arbeitstag 261 Handlungen beobachtet werden, mit einer Handlungsdauer von lediglich 2:20 Minuten. Zudem überschnitten sich viele Tätigkeiten, so dass insgesamt ein sehr kleinteiliges Arbeiten in vielen Micro-Schritten den Alltag der Online-Journalisten prägt.

 

2. Die beobachteten Haupttätigkeiten entsprechen im Großen und Ganzen allerdings den traditionellen Vorstellungen von Journalismus: Zu nennen sind hier Selektions- und Rechercheroutinen (im Schnitt 32,1 % der Tätigkeitsdauer), Textproduktion (21,5 %), Face-to-Face-Gespräche (18,9 %) und medienvermittelte Kommunikation (13,8 %).  Der hohe Anteil an Kommunikationstätigkeiten belegt die bekannte These, dass Redaktionen „Koordinationszentren“ sind, in denen sehr viele koordinative Tätigkeiten anfallen.

 

3. Bei den technischen Ressourcen spielten Redaktionssysteme (im Schnitt 12 % der Gesamtnutzungsdauer aller Ressourcen), Telefon (9,9 %), Textverarbeitungen (8,1 %), das eigene Netzangebot (7,4 %) und computerbasierte Nachrichtenticker (5,7 %) die wichtigste Rolle. Hier spiegelt sich auch ein grundlegendes Arbeitsmuster in den Redaktionen wider: Die Journalisten selektieren aus Agenturnachrichten die relevanten Meldungen. Sie recherchieren im Agentur-Ticker, per Internet oder (weniger häufig) per Telefon Zusatzmaterial. Schließlich bearbeiten sie die Agenturmeldungen, ändern bereits bestehende Beiträge oder schreiben (eher selten) eigene Beiträge im Redaktionssystem. Immer wieder überprüfen sie den jeweiligen Nachrichtenstand und den Status der Beiträge im eigenen Netzangebot.

 

4. Dies bestätigt beispielsweise auch ein genauerer Blick auf die Schreibtätigkeiten der Journalisten: 55,8 % der mit Textproduktion verbrachten Zeit konnte als „Umarbeiten“ qualifiziert werden (wobei in der Hauptsache bereits publizierte Artikel und eigene Texte bearbeitet wurden; reine Fremdtextbearbeitungen, meist auf Basis von Agenturmaterial, machten aber immerhin 10,6 % der Gesamt-Textproduktion aus). Lediglich in 21,5 % der mit Textproduktion verbrachten Zeit wurde an Texten ohne bereits bestehende Grundlage gearbeitet.

 

Damit erscheint der Online-Journalismus im doppelten Sinne sehr nahe am Agenturjournalismus zu operieren – zum einen, was die Arbeitsgeschwindigkeit und den Nachrichtendurchsatz anbetrifft, zum anderen aber auch in Hinblick auf die Recherchequellen. Die Tätigkeitsmuster sind vorwiegend dem Print-Bereich entlehnt, wobei eine stärkere Betonung der Selektions- und Überarbeitungsroutinen zu beobachten ist, während das Schreiben eigenrecherchierter Beiträge ins Hintertreffen gerät. Individuell sind hierzu jedoch Unterschiede aufgrund verschiedener struktureller Bedingungen und Zielsetzungen in den Redaktionen zu beobachten.

 

Die Studie ist Teil eines größeren Forschungszusammenhangs zum Online-Journalismus an der TU Ilmenau (Medienwissenschaft, Prof. Dr. Martin Löffelholz). Teilprojekte werden von der DFG und der Humboldt-Stiftung gefördert. Eine bundesweite Repräsentativ-Befragung, die einige der hier genannten Ergebnisse auf breiter Basis überprüft und Rahmendaten zum Online-Journalismus liefert, wurde im November/Dezember 2002 durchgeführt.

 

Weitere Informationen: Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft Ilmenau, Fachgebiet Medienwissenschaft 

Kontakt: Thorsten Quandt

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